April 28

Neue alte Abzockmethode: Recovery Room-Fraud (RRF)*

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Die für den Betrüger sichersten Opfer sind Anleger, die bereits einem Betrug zum Opfer gefallen sind. Diese Erkenntnis ist in einschlägigen Kreisen weit verbreitet. RRF setzt diese Erkenntnis auf moderne Art und Weise um.  Die Voraussetzungen (z. B. Digitalisierung bei Angebot, Vermittlung und Beratung) für eine zunehmende Bedeutung dieses Betrugssystems sind insbesondere in Deutschland leider mehr als gut.

Das Betrugssystem

Wer gerade erkannt hat, dass er sein eventuell für die Altersvorsorge gedachtes Geld bei einem Anlagebetrug verloren hat, ist besonders empfänglich für Anbieter, die versprechen, ihm sein Geld oder wenigstens einen Teil davon zurückzugeben oder zu -holen. Das nutzen spezialisierte Betrugsbanden aus. Sie bieten zum Beispiel an, die jeweiligen Beteiligungen zum seinerzeitigen Investitionspreis angeblich zu übernehmen. Manchmal kommt aber auch von einer angeblichen Rechtsanwaltskanzlei ein Angebot, erfolgversprechende juristische Maßnahmen zu ergreifen.

Dass dahinter Betrug steckt, kann man vor allem daran erkennen, dass die Anbieter in beiden Fällen nur gegen Vorkasse der meist nicht geringen „Gebühren“ tätig werden wollen. Die Hoffnungen der Anleger werden dann, nachdem sie die Gebühren überwiesen haben, mehr als getrübt, weil die Betrüger plötzlich unauffindbar sind, weshalb weder der geplante Verkauf der Beteiligung noch die in Aussicht gestellte aussichtsreiche juristische Intervention stattfinden können. 

Wie funktioniert das System?

Die Beschaffung der Adressen geschädigter Anleger findet in der Regel auf zwei Wegen statt. Zum einen verkaufen die Initiatoren der ursprünglichen und jetzt gescheiterten Anlage häufig die Adressen an Betrüger. Andererseits landen geschädigte Anleger, die im Internet versuchen, Informationen über ihre ursprüngliche Anlage zu erhalten, leicht in sogenannten „Recovery Rooms“, die dann Zugang zu den Internetadressen des Anlegers verschaffen.

Die Kontaktaufnahme findet häufig durch angebliche Mitarbeiter von Rechtsanwalts- oder Steuerberatungskanzleien, gelegentlich auch durch angebliche Polizisten statt. Manchmal meldet sich auch der Vermittler der ursprünglichen Anlage beim geschädigten Anleger mit einer hoffnungsfrohen Botschaft.

Die Wiederbeschaffung der bezahlten „Gebühren“ oder gar die Umsetzung der Versprechen ist meist nicht möglich oder findet schlicht nicht stattsiehe oben. Der Schaden des Anlegers hat sich so um die „Gebühren“ erhöht.

Was kann der Anleger tun?

Diese Abzockmethode ist trotz ihrer einfach anmutenden Abläufe durchaus zeitintensiv, weil sie die Hoffnung der Anleger, eventuell für längere Zeit, schürt. Deshalb besteht die Gefahr, dass diese den Ablauf der Verjährungsfrist für Schadenersatzforderungen aus dem Auge verlieren. Ein frühzeitiger Gang zur Verbraucherzentrale oder zum Rechtsanwalt ist dringend zu empfehlen.

Weiterhin wichtig ist die Erstattung einer Strafanzeige bei der Polizei oder der örtlich zuständigen Staatsanwaltschaft. Immerhin könnte es sein, dass aufgrund der Anzeigen anderer Geschädigter bereits Verfahren anhängig sind, die immerhin eine kleine Hoffnung auf Schadensminderung am Leben erhalten.

Was ist daran neu?

Natürlich gibt es diese Methoden in Deutschland seit langer Zeit. Neu ist die europäische Komponente, die nun zu einer ausführlichen Warnung der belgisch-niederländischen Finanzmarktbehörde FSMA führte. Neu sind auch die Möglichkeiten, die das Internet solchen Betrügern bietet. Besonders bei gescheiterten Anlagen, bei denen schon die Kontaktaufnahme über das Internet stattfand (Trading-Angebote, Crowd-Investing), ist im Schadenfall die Chance auf einen betrügerischen „Recovery Room“ hoch.

*Hinweis zur Bedeutung des Begriffs“ Recovery Room“ = Aufwachraum: Der Begriff wird im Englischen, wie auch die deutsche Übersetzung, im Allgemeinen für den Raum verwendet, in dem Frischoperierte in der Klinik aus der Narkose erwachen. Die Verwendung des Begriffs für den geschilderten Vorgang ist erst auf den zweiten Blick verständlich: Im „Recovery Room“ werden in dem beschriebenen Fall die bereits stark gesunkenen Hoffnungen des Anlegers wiederhergestellt = eine mögliche Übersetzung des Adjektivs recovered. Dass dies im obigen Fall mittels eines Betrugs (= fraud) geschieht, wird der betroffene Anleger zunächst nicht ahnen.  


Tags

Abzockermethode, Anleger, Banden, Betrug, crowd investing, fraud, Gebühren, geschädigter Anleger, recovery, room, Trding


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Aufschlussreiche Namensgebung

  • Zu Karin Siegel:
    Deutschland ist nach meinem Eindruck tatsächlich das Land, in dem Kapitalanlagebetrug am wenigsten verfolgt wird. Heerscharen von Anlagebetrügern, meist mit Wohn- oder Firmensitz im Ausland, sehen das auch so. Von der Justiz ist wenig Unterstützung zu erwarten. Wer sich wehren will, muss wegen der hohen Verfahrenskosten ein Kostenrisiko tragen, das für die meisten Anleger nicht tragbar erscheint, zumal der Weg zu einem poisitiven Urteil außerordentlich steinig ist.
    Die Opfer sind in der Tat vorwiegend kleine und mittlere Anleger, denen meist Mittel der privaten Altersvorsorge aber auch Vorsorge für die Familien entwendet werden. Abhilfe schaffen kann nur ein verändertes Bewußtsein bei den Politikern, das nur durch entsprechende Forderungen ihrer Wähler geweckt werden kann.

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  • Wir reden über Urlaub, Auto, Reisen aber leider zu wenig über Geld. Das Thema ist nicht öffentlich, was Betrug sicher leichter macht.

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  • Nur wenn man berücksichtigt, in welcher katastrophalen psychischen Situation sich Menschen befinden, die gerade ihre in einem langen Arbeitsleben mühsam aufgebaute private Altersversorgung verloren haben, wird solches Anlegerverhalten verständlich. Der erstbeste „Retter“ wird kritiklos angenommen. Am Ende hat sich nur die Schadensumme vergrössert. Welch ein Frust.

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  • Sehr seltsam? Warum wird so etwas nicht einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht? Es ist doch ungeheuerlich, dass Geschädigte nochmals systematisch geplündert werden.

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    • Natürlich wäre eine breitere Berichterstattung zu diesem Thema sinnvoll. Ein Problem dabei ist allerdings, dass immer dann, wenn ein „Recovery Room“ geöffnet wird, zunächst kein öffentliches Interesse an dem Vorgang besteht. Der geschädigte Anleger glaubt ja zunächst an die Recovery – Angebote und hat auch kein Interesse, dass sein Name, der Name des Recovery Rooms oder irgendein Detail des Vorgangs an die Öffentlichkeit gelangt. Er sieht darin eine Gefährdung der Wirkungsweise. Irgendwann wird er natürlich erkennen, dass er die erhoffte Leistung nicht bekommt. Dann hat aber oft der Initiator längst seine Gebühren vereinnahmt und befindet sich damit auf dem Weg in die Südsee. Ein sinnvoller Umgang mit dem erlittenen Verlust durch den Anleger wäre die Beauftragung eines Rechercheurs mit der Aufarbeitung des Falls und die Mandatierung eines Fachanwalts. Nur, weder der eine noch der andere werden dem Anleger blumige Versprechen machen, so dass letztendlich das Angebot des Recovery Rooms weit attraktiver erscheint.

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