„Lindner, schreiben Sie mal etwas zu den Kosten von Fonds!“

Redakteur Lindner, seit dem Quasi-Untergang der FDP fast täglich Gegenstand von Sticheleien der Redakteurskollegen, erhält vom Chefredakteur einen Auftrag: „Schreiben Sie mal etwas zu den Kosten von Fonds!“ meinte sein Boss in der Konferenz. Lindner freute sich zunächst, denn er hatte in den letzten Wochen seinen Stern immer weiter sinken sehen, weil er nur mit Routine-Unterstützung von Kollegen, die interessante Themen zu bearbeiten hatten, beschäftigt war. Jetzt sollte er ganz allein ein wichtiges Thema untersuchen, denn was kann in „Geiz ist geil“-Zeiten wichtiger sein als Kosten?

Lindner begann zu überlegen und zu recherchieren. Eigentlich fand er das Thema sehr einfach, denn im Internet hatte er schnell herausgefunden, dass die Fonds eine sog. „TER“ veröffentlichen, was „Total Expense Ratio“ oder deutsch „Gesamtkostenquote“ bedeutet. Eine Erklärung der TER, also welche Kosten dort enthalten sind und eine Liste von Fondsbeispielen müsste eigentlich genügen, meinte Lindner und ging damit zum Chef.

Nachdem Lindner seinen Plan zur Gestaltung des Beitrags erklärt hatte, zog sein Chef eine Mappe aus der Schublade. Darin lag zualleroberst ein Beitrag der Konkurrenz, in dem von 20 % und mehr Fondskosten die Rede war. Es vergingen rund zwanzig für Lindner nicht gerade angenehme Minuten, bis klar geworden war, dass es offenbar zwei Arten von Fonds gibt: Geschlossene Fonds und Offene Investmentfonds. Lindner versprach, diese andere Fondsform in seine Recherchen aufzunehmen und sich dann wieder zu melden.

Zurück an seinem Schreibtisch beschäftigte sich Lindner nun mit Geschlossenen Fonds. Er fand heraus, dass diese mit den Offenen Investmentfonds eigentlich so gut wie nichts zu tun haben.

Er fragte sich, warum diese gleichfalls unter den Begriff „Fonds“ fallen obwohl sie sowohl gesellschaftsrechtlich wie auch in punkto Verfügbarkeit, Transparenz und Überwachung so gut wie keine Parallelen zu den Investmentfonds zeigen.

Da fiel ihm sein Schwager ein, der bei einem Versicherungsmakler tätig und dort „für Kapitalanlagen zuständig“ ist, wie er Lindner bei anderer Gelegenheit verraten hatte. Seine Frage danach, warum auch bei Geschlossenen Fonds der Begriff „Fonds“ verwendet wird, löste beim Schwager Heiterkeit aus: „Marketing ist wohl nicht deine Stärke“, meinte der süffisant. „Glaubst Du wirklich, dass man mit dem Begriff ´Unternehmensbeteiligung´ Milliarden Euro bei hunderttausenden von privaten Anlegern einsammeln kann? Frag doch mal einen auf der Straße, ob er lieber in eine Unternehmensbeteiligung oder in einen Fonds investieren wolle. Wetten dass er den Fonds wählt?“

„Aber das ist ja für den Anleger total verwirrend, schon weil die Investmentfonds ja staatlich überwacht werden, die Geschlossenen Fonds so gut wie nicht.“ Der Schwager meint: „Der Begriff Fonds wurde für die Geschlossenen Fonds seit den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verwendet. Das hat noch nie jemand gestört, keinen Richter und auch nicht den Gesetzgeber.“

Lindner machte sich Sorgen! Seit Tagen recherchierte er nun zu diesem Auftrag und herausgekommen ist so gut wie nichts: Um welche Fonds sollte es eigentlich gehen?

In dieser Situation fiel ihm sein Studienfreund Thomas ein, der früh in die USA gewechselt war und dort bei verschiedenen großen Finanzgesellschaften Karriere gemacht hat. Die USA sind ja schließlich das Mutterland der Fondsbewegung. Von dort musste es doch Orientierung geben.

Wegen der Zeitverschiebung und weil er seinen Freund nicht allzu sehr im Arbeitsalltag stören wollte, rief er ihn am Abend an. Der versprach, ihn in einer ruhigen Minute zurückzurufen. „Dann habe ich eine halbe Stunde Zeit für Dich.“ Am späteren Abend kam es dann zu dem Telefongespräch. Thomas hörte sich alles an und begann die in den USA üblichen Fondsformen aufzuzählen und kurz zu erklären. Allerdings wartete Lindner vergebens auf die Erklärung der US-Version der deutschen Geschlossenen Fonds. Er fragte nach und sein Freund Thomas konnte einen Lachanfall nicht unterdrücken:

„Ah, Du meinst DGM.“ „Was ist DGM und was gibt es da zu lachen?“ meldete sich Lindner.

Die Erklärung kam prompt: „DGM bedeutet Dumb German Money – also dummes deutsches Geld und ich lache, weil eure Geschlossenen Fonds hier unter Kollegen Gegenstand von Heiterkeit sind.

Wir hier in New York tauschen uns regelmäßig über die neuesten Gags aus, die eure Fonds gerade wieder produziert haben. Manchmal bin ich froh, dass mich meine Kollegen nicht mehr automatisch als Deutschen sehen. Mit DGM wurden von euren Fonds auch in den USA viele unsinnige, allerdings vereinzelt auch überraschend erfolgreiche Investitionen getätigt. Wenn wir im Kollegenkreis darüber reden, dann sind wir uns einig, dass bei euren Geschlossenen Fonds das Risiko viel zu hoch ist, die Manager meist viel zu unerfahren und ein Anlageerfolg allenfalls zufällig eintreten kann, auch weil viel zu hohe Kosten anfallen.“

Lindner fand das erstaunlich. Aber das Stichwort war ja schon gefallen: „Kosten“. Er fragte nach: „Welche Kosten sind denn Deiner Meinung nach zu hoch.“

Sein Freund Thomas wunderte sich. „Hast Du denn schon mal einen Prospekt von einem der Geschlossenen Fonds gelesen? Eigentlich steht das doch dort genau drin. Wegen der Sprache kommen die Kollegen immer zu mir, wenn sie zu einem eurer komischen Fonds was sagen oder schreiben sollen. Da gibt es eine Mittelverwendungskontrolle aus der sich die Gründungs- und Vertriebskosten ergeben und eine Prognoserechnung, in der die prognostizierten laufenden Kosten enthalten sind.

Wir wundern uns immer darüber, warum jemand angesichts offensichtlicher Systemkosten in Höhe von oft mehr als 20 %, manchmal bis zu 50 % der Anlegerinvestition in so etwas investiert.“

„Was sind denn Systemkosten?“ fragt Lindner nach: „Systemkosten sind diejenigen Kosten, die im Fonds alleine deshalb entstehen, weil es sich um einen Fonds handelt, der verwaltet sein will, den man mit Hilfe von Provisionen an Vermittler unter die Leute bringen will, wozu man Werbefolder drucken muss, Anzeigen schalten, einen schönen Prospekt schreiben usw. Kurz gesagt, diejenigen Kosten, die nicht anfallen würden, wenn ein einziger Investor, z. B. der Pensionsfonds einer großen Firma, die gesamte Investition tätigen würde.“

„Aber jedes Unternehmen produziert ja nun mal auch Kosten.“ „Das ist natürlich richtig“ antwortete Thomas aus dem fernen New York, „nur die Systemkosten fallen eben zusätzlich zu den üblichen Kosten eines Geschäftsbetriebs an. Wir leben nun mal in einem marktwirtschaftlichen System, weshalb die Systemkosten oder Zusatzkosten die Chancen des Unternehmens am Markt reduzieren und angesichts der Höhe der Systemkosten im deutlich zweistelligen Prozentbereich kann also eine damit belastete Unternehmung allenfalls zufällig oder mit viel Dusel mal erfolgreich sein. In der Regel wird es keinen Anlageerfolg geben können.“

Das war für Lindner ernüchternd. Seine Annahme, dass es doch wahrscheinlich nur wenige Menschen geben kann, die in eine solche Anlage investieren, stellte sich schnell als falsch heraus, als er die Statistikseiten des bsi Bundesverband Sachwerte und Investmentvermögen aufrief. Danach verwalteten alleine die Mitglieder dieses Verbandes, die nur einen Teil des Marktes abdecken, per Ende 2013 100 Mrd. Euro an platziertem Eigenkapital was rund 205 Mrd. Euro Fondsvolumen entspricht.

Lindner ging erneut zu seinem Chef. Er berichtete von seinem Telefonat mit New York und fragte erneut, ob er wirklich die Kostenstruktur der Geschlossenen Fonds und der Offenen Investmentfonds in einem einzigen Beitrag behandeln solle. Der Chefredakteur fragte noch einmal nach, ob die bereits berichteten Kostensätze weiterhin als realistisch angesehen werden können. Lindner meinte, dass diese nun auch aus der Zentrale des Kapitalismus in New York bestätigt sind.

Der Chef wurde zunehmend nachdenklich angesichts der Kostensätze und des Umfangs des Anlegerschadens bei den Geschlossenen Fonds. Er erkannte die politische Dimension dieses Geschäfts und die nicht minder politisch relevanten Auswirkungen auf die Altersversorgungssituation der betroffenen Anleger. „Darüber muss ich noch mal nachdenken“, meinte er und damit war das Gespräch zunächst beendet.

Aber Lindner ließ das alles keine Ruhe. Es kann doch nicht sein, dass alljährlich Milliarden an Anlegergeld das zur Altersvorsorge gedacht ist, verloren gehen, ohne dass darüber in den Medien berichtet wird.

Allerdings, Fachmedien nehmen da kein Blatt vor den Mund. So titelte, wie Lindners Recherchen ergaben, das „Handelsblatt“ in 2011: „Geschlossene Fonds, die schlechteste Geldanlage der Welt“ oder die „Wirtschaftswoche“ in 2013: „Geschlossene Fonds: Die schmutzigen Tricks maroder Fonds“ oder „Finanztest“ in 2012 „Geschlossene Immobilienfonds: 40 von 58 Fonds fallen durch“ oder das „manager magazin online“ in 2013 „Klagende Anleger: Geschlossene Fonds werden für Banken zum Milliardenrisiko“.

Dass Banken mit diesem Geschäft etwas zu tun haben müssen, wurde Lindner so erst bewusst. Bisher war er gar nicht auf die Idee gekommen, dass Banken in diesem Geschäft mitmischen könnten. Recherchen ergaben: Die Banken sind in mehrfacher Hinsicht an dem Geschäft mit Geschlossenen Fonds beteiligt bzw. verdienen daran. Zunächst stammen natürlich die Kredite, die die einzelnen Fonds aufnehmen, von Banken. Dann gehören viele der Fondsgesellschaften, die ihrerseits Geschlossene Fonds emittieren zu Banken und Versicherungsunternehmen. Nicht zuletzt vermitteln Banken über ihre Berater hauseigene oder auch fremde Geschlossene Fonds. Die Ratingagentur Feri berichtete in 2013, dass von den seit 1998 vermittelten 143,8 Mrd. Euro Eigenkapital rund die Hälfte über den Bankschalter gewandert ist.

Anleger, denen Geschlossene Fonds von ihren Bankberatern vermittelt wurden, müssten sich eigentlich fragen, ob es ein guter Entschluss war, die Beratung der Bank in Anspruch zu nehmen.

Schließlich dürfte die Bank allergrößtes Interesse daran haben, dass der Anleger ganz bestimmte Fonds zeichnet, bei denen die Bank entweder als Kreditgeber oder über ihre Tochter als Emittent involviert ist. Ganz davon abgesehen, dass natürlich auch die Bank an den hohen, sonst im Finanzgeschäft nicht erzielbaren Provisionen interessiert sein musste. Aber auch zur Recherche dieses Aspekts verfügte Lindner über persönliche Verbindungen, sogar aus der eigenen Verwandtschaft. Wozu sonst hat man einen Cousin, in Lindners Fall Norbert, der bei der X-Kasse Kunden berät, sagte er sich und rief Norbert an:

„Vermittelst Du eigentlich auch Geschlossene Fonds?“ fragte Lindner. Da brach es aus Norbert geradezu heraus. „Das ist doch mein Hauptgeschäft. Nur wenn ich davon ausreichend vermittle komme ich auf meine Vorgaben.“

„Welche Vorgaben meinst Du?“ fragte Lindner zurück.

„Natürlich die Vorgaben von der Bank.“

„Wie sehen denn diese Vorgaben aus?“

Norbert wollte nun wissen, was die Fragerei sollte. Lindner musste hoch und heilig versprechen, dass er ihn, Norbert, auf keinen Fall namentlich oder irgendwie anderweitig erkennbar im Beitrag nennen würde. „Wir bekommen jeden Monat eine Zielvorgabe in Form eines Nominalbetrags, den wir bis zum Monatsende platziert haben müssen.“

„Was müsst ihr platziert haben? Irgendeinen Fonds oder einen bestimmten.“

„Ist doch klar, natürlich einen von unseren Fonds.“

„Und wenn Du das nicht schaffst?

„Ganz einfach, dann wirkt sich das auf die Karriere und damit auf die Gehaltsentwicklung aus.“

„Wie berätst Du dann eigentlich Deine Kunden? Es gibt ja doch inzwischen viele kritische Artikel zu Geschlossenen Fonds, zumindest in Fachmedien.“

„Das lesen unsere Kunden doch nicht. Außerdem, um auf meine Zahlen zu kommen, versuche ich es zunächst bei unkritischen Kunden. Da geht es am Einfachsten und Schnellsten. Warum soll ich mir das Leben unnötig schwer machen?“

„Was ist eigentlich der Grund dafür, dass die Kunden so leicht für diese komplexen Anlagen zu gewinnen sind?“

„Das kann ich Dir sagen“, meinte Norbert eifrig „Bei Geschlossenen Fonds gibt es jährliche Ausschüttungen wie beim Sparbuch und außerdem gibt es keine Wertschwankungen, auch wie beim Sparbuch.“.

„Seit wann gibt es bei einer unternehmerischen Beteiligung, darum handelt es sich ja bei Geschlossenen Fonds, keine Wertschwankungen und Ausschüttungen sind doch nicht mit Sparbuchzinsen gleichzusetzen?“

Norbert, geduldig: „Ausschüttungen sind für Kunden, die nur das Sparbuch kennen, Zinszahlungen. Andere Ausschüttungen kennen sie nicht. Und Wertschwankungen gibt es deshalb nicht, weil man sie nicht sieht und bis zur Fondsliquidation in zwanzig Jahren fließt noch viel Wasser den Rhein runter.“

Da erreicht ihn der Anruf vom Chef: „Lindner, kommen Sie mal rüber!“

Lindner kam und berichtete von seinen Recherchefortschritten. Aber sein Chef hatte schon längst einen neuen Plan: „Wir berichten nicht über die Kosten von Geschlossenen Fonds, das ist mir alles viel zu vage. Berichten Sie einfach über die Kosten von Offenen Investmentfonds. Da liegt ja alles auf dem Tisch.“

Lindner setzte kurz zu einem Protest an, erinnerte sich aber rechtzeitig, dass das sein erster Auftrag für einen Artikel, unter dem nur sein Name stehen würde, war und fügte sich. Gefrustet war er aber schon, was man dem Artikel dann gut anmerken konnte, denn er wetterte in seinem Artikel gegen offene und verborgene Kosten der Investmentfonds, obwohl, wie er inzwischen ja wusste, die Kosten der Geschlossenen Fonds auch schon mal um das zehnfache höher sein können.

Hinweis:

Alle hier genannten Personen und Institutionen gibt es in der Realität nicht. Das bedeutet nicht, dass die Geschichte unrealistisch wäre.

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