Liebe für ein ganzes Leben: Lisa hält zu ihrem Betrüger

Lisa, 43, ist arm. Das war nicht immer so. Als Verkaufsleiterin eines IT-Dienstleisters verdiente sie über viele Jahre sehr gut. So viel, dass sie es nicht ausgeben konnte, auch weil der Job sehr viel Zeit erforderte. So wuchs das Guthaben auf dem Konto immer mehr an. Sebastian K. von der nahegelegenen Bankfiliale sah eine Geschäftsmöglichkeit und rief Lisa an.

Das wäre doch nicht sinnvoll, so viel Geld auf dem Konto liegen zu lassen. Geld muss arbeiten und Ertrag bringen. Er sähe da verschiedene Möglichkeiten. Ob sie nicht mal für ein Gespräch vorbeikommen könne. Oh, sie habe keine Zeit. Ob er nicht mal am Abend bei ihr zuhause vorbeikommen könne.

So kam es dann auch. Sebastian, man war schnell beim Du, sah blendend aus. Beim tiefen Blick in seine Augen verging die Zeit wie im Fluge. Als er wieder ging, ließ er viel Papier da und auch Durchschriften von Verträgen, die sie unterschrieben hatte. Es gab dann regelmäßige Treffen, auch schon mal in der Mittagspause im Café.

Eines Tages las sie etwas in der Zeitung, das ihr irgendwie bekannt vorkam. Es musste etwas mit ihren Anlagen zu tun haben. Sie kramte die Papiere heraus und tatsächlich: der Turm in London, an dem sie Anteile besaß, hatte Probleme. Sie rief sofort ihren Sebastian an und der beruhigte sie: Der Turm hat keine Probleme. Es sind nur ein paar Mieter ausgefallen. Fahr einfach hin, und schau ihn Dir an.

Wenig später erhielt sie Post von der Fondsgesellschaft, über die sie ihren Turmanteil erworben hatte. Daraus ergab sich sehr eindeutig: Ihr Geld war erstmal weg.

Sie schrieb einen wütenden Brief an die Bank und prompt meldete sich Sebastian. Sie soll doch ihren Brief zurückziehen. Das könne ihn den Job kosten. Das ist die Sache doch gar nicht wert.

All das schöne Geld. An diesem Desaster musste doch jemand schuld sein. Zu ihrem Bekanntenkreis gehörte ein Wirtschaftsjournalist, den sie um Rat fragte. Der meinte: Natürlich wäre das eine Falschberatung gewesen, für die die Bank geradestehen muss. Sie soll doch zu einem Anwalt gehen.

Sie ging zum Anwalt und der schrieb an die Bank und forderte von dort ihr Geld zurück. Wieder kam der Anruf von Sebastian. Dieses Mal wollte er sie treffen. Die Aussicht auf einen der seltener gewordenen Abende zu zweit fand sie sehr positiv. Sie kaufte seinen Lieblingsrotwein. Zum Thema sagte Sebastian, kurz bevor er wieder ging,  dasselbe, das er ihr schon gesagt hatte. Wenn sie das mit dem Anwalt durchziehe, sei er seinen Job los.

Am nächsten Tag rief sie den Anwalt an, er möge sein Scheiben an die Bank zurückziehen. Sie wurde richtig pampig, als der Anwalt den Grund wissen wollte und dann auch noch auf einer schriftlichen Bestätigung beharrte. Am Abend rief dann noch ihr Bekannter an, der den Anwalt empfohlen hatte. Ihm sagte sie: „Ach weißt Du, ich konnte nicht anders. Der Sebastian der sieht einfach so göttlich aus und ist so nett.“ Er sagte nur: „Bitte frage mich nie mehr irgendetwas, das mit Geld zu tun hat.“

Wenig später verlor sie ihren guten Job an eine Jüngere und Sebastian ließ sich nicht mehr blicken. Ein paar Monate später erfuhr sie, dass er in der Bank Karriere gemacht hat. Als sie ihn, seine Frau und seine drei Kinder einmal in der Stadt beim Einkaufen traf, tat er so, als ob er sie nicht sehen würde.

Jetzt ist Lisa arm, weil sie in ihrem neuen Job nur noch wenig verdient. Die Altersvorsorge ist weg. Der Insolvenzverwalter des Fonds möchte außerdem die Ausschüttungen, die sie über ein paar Jahre hinweg bekommen hat, zurück und das sei irgendwie rechtens. Das Geld hat sie natürlich nicht mehr.

An manchen Abenden denkt sie immer noch gerne an die schönen Abende mit Sebastian zurück. An anderen Abenden fühlt sie sich klein und hässlich, weil sie sich dann doch als Opfer fühlt.

Kapferer

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