Der Goldstreit bei den Busses

Hermann Busse* ist Abteilungsleiter in einem Warenhaus, seine Frau Emma ist Mitinhaberin eines Geschenkeladens in der City. Die beiden Kinder sind längst aus dem Haus und stehen „auf eigenen Füßen“. Hermann Busse sagt oft: „Gut, dass wir so früh Kinder bekommen haben.“ So können wir jetzt umso besser für die private Altersvorsorge sparen. Und in der Tat, mit ihren jeweils 45 Jahren sind die Busses wahrhaft Frühentwickler in Sachen Familie.

Aber mindestens bis zum 60sten Lebensjahr wollen beide noch arbeiten und bis da ist lange Zeit. Das bisher Angesparte fürs Alter und die weiteren Sparraten wollen aber auch angelegt sein. Da sind sich die Busses nicht einig und da spielt auch ihre deutlich unterschiedliche politische Einstellung eine Rolle.

Hermann Busse rechnet bald mit dem Euro-Crash und sieht Probleme bei der Integration von Flüchtlingen. Seine Frau arbeitet freiwillig zwei Mal in der Woche in einer Flüchtlingsinitiative mit. Jedenfalls, sobald das Gespräch um die Anlage der Altersvorsorge geht, herrscht bei den Busses dicke Luft, denn bei diesem Thema geht es für beide ums Eingemachte und bei diesem Thema ist auch keiner von beiden zu Kompromissen bereit. Irgendwann haben sie das eingesehen und, auch zur Rettung der Ehe, einen Plan geschmiedet. Der sieht vor, dass jeder für sich für die Altersvorsorge  spart.

Emma Busse geht den traditionellen Weg indem sie zur klassischen Lebensversicherung und einer Fondspolice griff. Hermann Busse sieht im Gold den einzigen Weg, künftigen Katastrophen mit dem Euro zu entkommen. Er eröffnete deshalb bei einer Liechtensteiner Gesellschaft, die in der Schweiz ihren Sitz hat, ein Golddepot, in das er seine Ersparnisse als Einmalanlage einbrachte und in das  er monatlich weiteres Geld investierte. Das schien ihm die sicherste Methode und auf den ersten Blick sah auch alles wunderbar aus. Gold in Form von Barren, angelegt außerhalb der EU und verwahrt in einem Züricher Zollfreilager – sicherer geht’s wohl nicht.

Sein erwachsener Sohn, der bei einer Frankfurter Bank Karriere machte, bekam jedes Mal eine Gänsehaut, wenn sein Vater anlässlich von Familienfeiern von seiner gloriosen Goldanlageidee schwadronierte. Allerdings wusste er, dass ihm sein Vater die Unterlagen dazu niemals aushändigen würde, weil er als Frankfurter Banker automatisch zum von Busse verachteten Euro-Establishment zählte. Deshalb schlug der Sohn seinem Vater vor, er solle doch die Verträge und Unterlagen einem neutralen Fachmann zeigen, allein um sicher zu gehen, dass alles seine Richtigkeit hat. Er nannte einen inzwischen pensionierten Kollegen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Anlegern bei der Wahrnehmung ihrer Rechte gegenüber Anbietern aller Art, also auch gegenüber Banken, zu helfen. Busse stimmte letztendlich unter der Bedingung zu, dass dieser Fachmann auch die Anlagen seiner Frau prüfen sollte. Er war sich sicher: Aus diesem Vergleich würde er als strahlender Sieger hervorgehen.

So kam es. Die Unterlagen wurden übergeben und drei Wochen lang hörten die Busses nichts davon. Dann, eines Abends, klingelte das Telefon. Der pensionierte Banker war dran und wollte einen Gesprächstermin vereinbaren. Der Termin fand an einem Samstagnachmittag bei Kaffee, Tee und Nusskranz statt, aber Busse hatte schnell keine Lust mehr auf ein Kaffeekränzchen.

Der Banker eröffnete ihm zunächst, dass sein Gold zu diesem Zeitpunkt mehr als dreißig Prozent weniger wert sei, als er an Einzahlungen geleistet habe. Noch schlimmer traf es ihn, als er erfuhr, dass es „sein“ Gold eigentlich nicht gab. Verfügungsberechtigt über einen eventuellen Goldbestand war alleine die private Liechtensteiner Firma mit Sitz in der Schweiz. Diese Firma sei auch keine Bank und werde auch von keinerlei staatlicher Institution überwacht. Deshalb gelte alleine, was zwischen Busse und der Firma vereinbart war. Die Firma könne auch, ohne Busse zu benachrichtigen, Gold, soweit überhaupt vorhanden, jederzeit verkaufen und das Geld für eigene Zwecke verwenden.

Die Firma könne auch den Goldbestand jederzeit verkaufen und jederzeit wieder kaufen, also mit dem Goldbestand handeln. Dass einer der Verantwortlichen der Firma irgendeine Kompetenz besitze, um dies fachmännisch ausführen zu können, sei nicht bekannt. Tatsächlich gebe es nur einen Verantwortlichen und der sei gleichzeitig für mehr als dreißig andere Firmen allein verantwortlich. Es handele sich also um eine Art Briefkastenfirma. Die Firmeneigentümer seien nicht bekannt, weil als Gesellschafter wiederum andere Firmen, deren Eigentümer auch nicht bekannt seien, eingetragen seien.

Falls das mit dem Zollfreilager tatsächlich zutreffe und dort wirklich Gold eingelagert sei, würde es bei einer eventuellen Auflösung des Goldbestands, wenn Busse z. B. aussteigen wolle, vermutlich zu Nachteilen kommen, weil das eingelagerte Gold ausschließlich in großen Barren verwahrt würde. Deren Verkauf und die notwendige Aufstückelung des Bestandes würde vermutlich hohe Kosten verursachen.

Für den Fall, dass die Firma in Insolvenz ginge, wäre nicht sichergestellt, dass die Anleger Zugriff auf ihre Goldbestände hätten, auch wenn diese vorhanden sein sollten.

Der Banker hatte seinen Merkzettel noch gar nicht abgearbeitet, als Busse ihn bat, keine weiteren Hiobsbotschaften zu verkünden und stattdessen zu sagen, was denn zu tun sei, um sein Geld zu retten.

Unauffällig, aufgeteilt auf mehrere Teilverkaufsaufträge den Goldbestand auflösen, riet dieser, den Verlust hinnehmen und nach vorne schauen. Aber die Schweiz ist doch ein Rechtsstaat, da muss man doch etwas tun können, zum Beispiel einen Anwalt einschalten. Der Banker stimmte zu, verwies aber darauf, dass dazu wahrscheinlich mindestens zwei Anwälte gebraucht würden ein deutscher und ein schweizerischer. Die dadurch entstehenden Kosten wären im Vergleich zum Anlagebetrag mehr als erheblich.  Der Erfolg sei auch mehr als zweifelhaft, weil alles mit dem von Busse unterschriebenen Vertrag gedeckt sei. Da er den Kontakt auch noch über das Internet hergestellt habe, käme der Vorwurf der Falschberatung aufgrund nicht stattgefundener Beratung kaum nicht in Betracht.

Warum aber unauffällig, wollte Busse dann noch wissen? Ganz einfach, meinte der Banker. Wenn er  den gesamten Bestand zum Verkauf stellen würde, wäre Busse als Kunden nicht mehr interessant. Man könnte ihn dann noch sehr gut damit ärgern, dass man auf einer Weiterzahlung der monatlichen Raten bestünde. Der Vertrag gebe das her.

Busse war geplättet und versank fast im Boden vor Scham, eingedenk seiner vollmundigen Lobpreisungen seines Goldsparplans bei vielen Gelegenheiten.

Und wie sieht es mit den Verträgen meiner Frau aus, wollte Busse dann noch wissen. Fast erhoffte er sich da auch schlechte Botschaften. Der Banker meinte jedoch: Kosten gibt es da natürlich auch und nicht zu knapp. Er würde jedoch nur empfehlen, mindestens einen Teil der monatlichen Raten in einen Investmentsparvertrag zu leiten, um Kosten einzusparen und eine flexiblere Verfügungsmöglichkeit zu besitzen.

Zufrieden war Busse mit diesem Statement nicht, aber irgendwie ahnte er, dass das alles stimmt.

Kapferer

*Mit dieser Namensbezeichnung ist keine konkrete Person bzw. Personen gemeint. .

 

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