Mitternachtsnotar Hasselfeldt

Hasselfeldt ist Rechtsanwalt und Notar in einer niedersächsischen Kleinstadt. Leider ist die Konkurrenz am Ort groß und Hasselfeldt strebte eigentlich schon immer nach mehr. Jedenfalls befriedigte die zwar auskömmliche aber dann doch nicht wirklich reich machende Kanzlei seinen Ehrgeiz irgendwann nicht mehr. Er sinnierte oft, wie er sein Geschäft „weiterentwickeln“ könnte.

In seiner kleinen aber feinen Stammtischrunde bestehend aus einer Zahnärztin, einem Bauunternehmer, einem Rechtsanwalt und der Inhaberin einer Reinigungsfirma war Hasselfeldts Problem lange bekannt. Eines Tages, Hasselfeldt hatte wieder einmal die fehlende Perspektive seines Geschäfts bejammert, nahm ihn auf dem Nachhauseweg der Bauunternehmer Merz beiseite.

„Du kennst Dich doch ganz gut aus in der Hannoveraner Bausubstanz. Du hast doch mal dort gearbeitet. Du kennst die guten Ecken und auch die schlimmen Gegenden. Nutze doch mal diese Kenntnisse!“

Hasselfeldt verstand zunächst nichts, denn das Geschäft in Hannover war ja schließlich teilweise in seinen, aber leider hauptsächlich in Händen seiner Hannoveraner Kollegen. „Lass mich mal machen!“ sagte Merz und ließ sich auf keine weitere Diskussion ein, sondern kündigte einfach nur den Besuch zweier Herren, der Gebrüder Söder, an. „Ich habe jetzt die Nase voll von Deinem Gejammer. Wenn Du die beiden nicht empfängst, solltest Du in meiner Anwesenheit Dein Lieblingsthema nicht mehr zur Sprache bringen, wenn Du weiter mit mir befreundet sein willst. Und übrigens: Der Fachbegriff für das, was Dir die Söders vorschlagen werden, ist Mitternachtsnotar.“

Der gute Hasselfeldt hatte diesen Begriff noch nie gehört und vergaß das Ganze, bis ihn zwei Wochen später seine Sekretärin, Frau Seehofer, darüber informierte, dass er noch einen späten Termin mit Georg und Siegbert Söder habe.

Die vier Gästeparkplätze vor seinem Notariat waren an diesem Abend vollständig von den zwei tiefer gelegten Sportwagen der Söders belegt und das Gespräch dauerte auch länger. Man trank Sekt aus dem Notariatsvorrat und dabei erklärten ihm seine Besucher, wie er seine Kanzlei rentabler machen könnte. Sie stellten sich als Vermittler von Eigentumswohnungen vor. Gerade würden rund dreißig Mitarbeiter bei potentiellen Anlegern „auf der Couch sitzen“ und Eigentumswohnungen als Kapitalanlage anbieten.

„Wenn es schlecht läuft“, meinte Siegbert Söder, der in der Firma für den Vertrieb zuständig ist, „dann verkaufen unsere Mitarbeiter in der Woche zwanzig Wohnungen. Meistens läuft es aber viel besser.“ Söder meinte dann noch, dass es wichtig sei zu wissen, dass das Vertriebssystem darauf abgestimmt sei, dass immer mehrere Abschlüsse an einem einzigen Tag zustande kommen.

Siegbert Söders Bruder Georg, hob nun an, das System und Hasselfeldts Rolle darin zu erklären: „Du“, man war längst zum Duzen übergegangen, „musst von Dienstag bis Samstag von 18:00 Uhr bis unendlich bereit stehen. Wir rufen Dich an und eine halbe Stunde später stehen wir mit fünf bis fünfzehn Interessenten vor Deiner Kanzleitür. Alle Formalien bekommst Du vorab, so dass Du die Verträge zuvor fertigmachen kannst.“ „Aber“ wandte Hasselfeldt ein, „der Letzte muss doch bis zum Morgengrauen warten, bis seine vierzehn Mit-Interessenten unterschrieben haben.“ „Falsch“ sagte Söder „die unterschreiben alle gleichzeitig.“

Ein tiefer Seufzer, offenbar wegen Hasselfeldts Begriffsstutzigkeit, entrang sich Söders monumentalen Fitnessstudio-gestählten Brustkasten.

„Also noch mal von vorne, wir stehen also vor Deiner Kanzleitüre. Du führst Sie alle in diesen Raum in dem wir jetzt sitzen. Da müssen übrigens noch ein paar Stühle rein. Dann liest Du den Vertragstext vor. Der ist bei allen gleich, bis auf die Grundbuchnummern, die Quadratmeterzahl und wenige andere Kleinigkeiten.“

„Wie soll das denn gehen?“ Hasselfeldts schon leicht Sekt-gedoptes Gehirn rotierte enorm.

„Ganz einfach, wir verkaufen immer blockweise. Jede Gruppe von Kaufinteressenten, mit denen wir zu Dir kommen, wollen Wohnungen in einem einzigen Wohnblock erwerben. Deshalb sind die Verträge weitgehend identisch. Vor Beginn der Veranstaltung sagen wir Dir, welcher Interessent zu welcher Wohnungsnummer passt. Während Du den Vertragstext vorliest, setzt Dein Mitarbeiter die Namen, die genauen Quadratmeter, die Grundbuchnummern usw. in die verschiedenen Verträge ein. Wenn Du dann fertig bist mit Vorlesen, kommen die Verträge auf den Tisch und jeder Interessent unterschreibt seinen Vertrag und alles ist gut. Pro Vertrag bekommst du von uns 3000 € zusätzlich zu Deinen üblichen Gebühren. Wir garantieren Dir pro Jahr hundert Verträge. Aber es werden viel mehr. Das Geld kannst Du auf ein Konto in der Schweiz haben oder bar – wie Du willst.“

Noch eine Frage drängte sich Hasselfeldt auf: „Warum kommt ihr damit zu mir und hier in diese Stadt?“

„Sollen wir lieber einen Deiner Kollegen hier am Ort fragen? Spaß beiseite – wir brauchen hier einen Notar weil wir hier auch verkaufen.“

In Hasselfeldts Oberstübchen war einiges los, aber er schaffte es dann doch noch zu fragen, was für Wohnungen das eigentlich sind, die da offenbar in Massen verkauft werden.

„Du kennst sicher die Wohnblocks in der Mercystraße und der Severinstraße in Hannover. Die Wohnungen gehören alle mehr oder weniger uns. Die werden gerade verkauft.“

Hasselfeldt erschrak, denn diese Wohnblocks waren in Hannover verschrien. In der schrottreifen Bausubstanz hatten sich allerlei dunkle Gestalten angesiedelt. Die Polizei wagte sich nur noch in größeren Verbänden in die Gegend. „Wer will denn diese Wohnungen kaufen?“ wagte er zu fragen. „Das lass mal unsere Sorge sein“ war die lapidare Antwort. Es wurde dann noch ein Testabend verabredet. Denn den Söders kam es offenbar auf einen reibungslosen Ablauf sehr an.

Viel später im Jahr, Hasselfeldt hatte längst die Garantieschwelle von hundert Wohnungen protokolliert, fuhr auch schon einen großen Mercedes und seine Frau fuhr häufiger nach Hamburg zum Einkaufen, in einer ruhigen Stunde, blickte Hasselfeldt bei einem guten Glas Rotwein einmal zurück. Klar war von Anfang an, dass die Kaufpreise der Wohnungen weit überhöht waren, wenn man davon überhaupt sprechen konnte angesichts der Tatsache, dass kein vernünftiger Mensch dort eine Wohnung kaufen würde. Mit der Zeit hatte er auch verstanden, dass nicht nur die späte Protokollierung sondern auch der gesamte Ablauf darauf ausgerichtet war, die Kaufinteressenten, die „ihre“ Wohnung noch gar nicht gesehen hatten, unmittelbar nach dem Kaufentschluss in einen gerichtsfesten Vertrag zu bringen. Wenn diese Gelegenheit bekommen hätten, „ihre“ Wohnung zuvor zu besichtigen, oder sich auch nur im Internet über deren Lage zu informieren, hätten sie wohl niemals unterschrieben. Deshalb musste er auch auf Söders Wunsch hin eintönig, die Söders nannten das sonor und meinten einschläfernd, vorlesen, bei Nachfragen strafend schauen und darauf verweisen, dass ja nun alle doch bald nach Hause wollen.

Dadurch entstand regelmäßig so starker Gruppendruck, dass die wenigen Nachfrager der Mut verließ. Am Ende kam es darauf an, dass wenigstens einer gleich unterschreiben wollte. Die anderen kamen dann automatisch hinterher. Auch die kritischeren Geister gaben ihren Widerstand dann meist gleich auf. Nach fast zweihundert sogenannten Mitternachtsprotokollierungen war es noch nicht vorgekommen, dass einer der Interessenten nicht unterschrieben hätte. Es war Hasselfeldt klar, dass er als Notar eigentlich, wenn das so auch nirgends zu lesen ist, verpflichtet gewesen wäre, die Interessenten darauf hinzuweisen, dass sie getäuscht werden. Das beschäftigte ihn schon länger, weshalb er sich vornahm, bei nächster Gelegenheit eine deutliche Erhöhung seiner „Pauschale“, sozusagen als Risikoausgleich, zu fordern.

Inzwischen sind einige Jahre vergangen. Die beschriebene Art von Protokollierungen findet nach wie vor statt, wenn auch mit etwas gebremstem Schaum aber neben den Söders nun auch mit anderen Partnern und mit Wohnungen in anderen Gegenden Deutschlands. Hasselfeldt hat ein schönes Haus in der Toscana gekauft. Seine Kinder studieren an amerikanischen Eliteuniversitäten. Er ist teuer geschieden und lebt mit einem ehemaligen und gleichfalls teuren Model zusammen. Seit jedoch in Berlin ein Mitternachtsnotar-Berufskollege zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt wurde, weil sich die betrügerische Absicht der Anbieter dem Notar „aufgedrängt haben muss“, wie es im Urteilstext heißt (noch nicht rechtskräftig), schläft Hasselfeldt schlechter.

Hinweis: Alle Namen und Orte sind frei erfunden und dienen ausschließlich der Illustration dieses Beispielsfalls mit dem Ziel eines besseren Verständnisses. Die Geschichte ist der Extrakt aus mehreren ähnlichen realen Fällen aus ganz Deutschland.

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